Spiritualität

Ich

Wort zum Sonntag – 12. Sonntag im Jahreskreis – im Hohenloher Tagblatt und Haller Tagblatt


Ich

„Ich würde gerne …“
„ich möchte mal …“
„Ich will auch mal …“
„Endlich will auch ich …“
Wie oft am Tag, geht mir mindestens einer dieser Gedanken, bewusst oder auch unbewusst durch den Kopf?





„Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ So hören wir es am Sonntag bei Lukas (Lk 9.23)





… verleugne sich selbst … … verleugne sich selbst … … verleugne sich selbst …


Immer wieder denke ich an diese Worte. Sie klingen so hart. Ist das wirklich ernst gemeint von diesem Jesus? Und wenn ja, bin ich dazu wirklich bereit? Wie oft am Tag müsste ich das tun, mich selbst zu verleugnen – um Jesus nachzufolgen? Punktuell gelingt es mir vielleicht schon manchmal. Aber so grundsätzlich? Viel öfters fallen mir gute Gründe ein, es nicht zu tun.

Fridolin Stier übersetzt es etwas anders: „… der sage sich los von sich …“. Das klingt nur auf’s erste hinhören besser. Beim genaueren hinhören schüttelt es mich genau so.

Nachdenklich schaue ich in den morgendlichen Spiegel und später in die Menge der Menschen, die mir draussen begegnen. Ist überhaupt irgendjemand dazu bereit?

Wann bin ich in meinem Umfeld zuletzt, ja vielleicht jemals einem Menschen begegnet, der um der Nachfolge Jesu Willen, sich von sich selbst wirklich losgesagt hat? Mühsam und ganz zart meine ich mich an jemanden zu erinnern und gerate ins Staunen über deren entschiedene Demut die tief beeindruckt und Zeugnis gibt. Gäbe es doch nur mehr Menschen von dieser Sorte!

Aber bleibe ich bei mir: Herr, hilf mir, mich von mir und meinen Wünschen und Zielen loszusagen und die Nachfolge zu wagen.


Alles in der Hand eines einzigen

In diesen Tagen scheint das Leben vieler, ja Millionen, ja sogar Milliarden von Menschen in einer Hand zu liegen.

Dies ist ein ganz realer furchtbarer Irrsinn, den man kaum fassen kann. Ein Mensch trifft eine Entscheidung, geht einen Weg der Entäusserung, und dies führt ihn unweigerlich in die Situation, in der er das Absolute tun muss, weil er sonst verliert. Und er kann es nicht ertragen zu verlieren! Lieber legt er alles und sich selbst in Schutt und Asche.

Dieser irrationale Irrsinn ist es, der vielleicht uns – und vielen anderen, die den Glauben an den Nagel gehängt hatten – dazu führt, anzuerkennen, dass der Glaube zwar irrational aber eben gerade deswegen möglich, ja die einzige Rettung angesichts des oben beschriebenen Wahnsinns ist. Denn da war schon mal einer, der eine Entscheidung getroffen hatte, einen Weg ging, der in die Entäusserung führte – nur in die umgekehrte Richtung! Er konnte verlieren, weil er schon alles hatte: die Liebe eines für uns scheinbar so irrationalen Gottes. Auch dieser Mensch damals tat, was er tun musste und er hat sich selbst verloren und damit für uns Alle Alles gewonnen. Zukunft wo keine Zukunft mehr sein dürfte. Leben, wo eigentlich nur der Tod herrscht. Liebe wo eigentlich nur der Hass regiert.

In diesen Tagen kann uns klar werden: die Zukunft vieler, ja Millionen, ja Milliarden, ja aller Menschen liegt in einer Hand. In der Hand dessen, der bereit war, alles zu verlieren – aus Liebe! Er sprach aus dem Dornbusch, er sprach am Kreuz, er sprach aus dem Grab, er spricht durch den der weht. Sein Name war, ist und wird immer sein!


"Jetzt hilft nur noch Beten"

An Ostern und an Weihnachten ereignet sich auf unterschiedliche Weise doch das Gleiche: mitten in der Dunkelheit, der Nacht, wenn alle menschliche Hoffnung schwindet, wenn unser Glaube uns an unsere Grenzen führt, auch er zu schwinden scheint und die Versuchung, aufzugeben am größten ist, genau da erscheint das Licht Gottes.

Auf dem Bild sehen wir unten zwei Hände die sich nach oben ausrichten. Hände die aus den Nöten eines Menschen, ja vielleicht der ganzen Welt, nach Halt, nach Hoffnung greifen wollen. Die Haltung der Hände ist Gebet, schon ohne Worte.
Am oberen Rand des Bildes sehen wir den Stern von Betlehem. Sein Strahlen scheint von ausserhalb in das Bild hinein zu brechen. Er steht für das göttliche Licht, welches uns in der Geburt Jesu nicht mehr nur im Wort der Schrift sondern in unserem menschlichen Fleisch und Blut entgegen kommt.
„Jetzt hilft nur noch Beten!“. Diesen Spruch sagen wir ja immer dann, wenn wir mit unseren irdischen Möglichkeiten an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nichts mehr bewegen können.
Sicher meint dieser Spruch, dass unsere Fähigkeiten begrenzt sind und wir darauf vertrauen, dass Gott mehr, ja ein Wunder, vollbringen kann, dass jetzt nur noch er helfen kann.
Aber vielleicht ist mit diesem Spruch noch ein viel tieferes Verständnis zu verbinden. Wenn meine Situation verfahren, ausweglos ist, besinne ich mich auf Gott und damit nicht auf sein mögliches, wundersames Eingreifen sondern auf eine, seine größere Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die meine Situation vielleicht nicht in ihrer irdischen Verfangenheit und Ausweglosigkeit rettet, auflöst, ja herausreißt, sondern diese umhüllt. Meine Existenz stelle ich damit über das irdische, das mit menschlichen Sinnen Erfahrbare hinaus in eine Wirklichkeit, die unsere Erfahrungen, unsere Zeit, unseren Raum, unsere Werte, unsere Orientierung, unsere Existenz zu Gott hin aufweitet. Die erlebte Ausweglosigkeit wird dadurch in meiner irdischen Existenz vielleicht nicht aufgelöst, nicht geheilt, es tritt vielleicht keine Lösung ein, aber ich erkenne ihre Relativität bezgl. meiner Existenz. Ich erfahre im Gebet, in der Hinwendung zu Gott, dass meine begrenzte Existenz in dieser irdischen Realität geborgen ist in einer Realität, die alles, Himmel und Erde umfängt.
Das mag für einen Aussenstehenden nach Weltflucht aussehen und fatalistisch wirken. Aber für den Betenden ist es das Gegenteil. Der Aussenstehende, der Nicht-Betende, kann so wenig wie ich selbst an der erfahrenen Ausweglosigkeit etwas ändern. Der nicht betende muss sich selbst noch mehr mit seiner Hilflosigkeit abfinden und letztlich fatalistisch resignieren und an dem nicht Aushaltbaren scheitern, zugrunde gehen.
Der Betende aber findet die Kraft zum Aushalten weil er weiß, dass seine ganze Existenz eben nicht in eine Weltflucht sondern in eine viel größere Welt-Wirklichkeit führt, dass er trotz aller Finsternis nicht verlassen sondern von Gott umfangen und gehalten ist. Dass er in diesem Festhalten an diesem Glauben, an diesem Gebet, an dieser Hinwendung zu Gott letztlich Rettung findet. Wenn auch durch sein Beten in dieser Welt kein Wunder geschehen mag, so ist er doch nicht allein, nicht verloren, sondern öffnen sich ihm Horizonte, Wirklichkeiten, die mehr sind, als das was wir Menschen mit unsern begrenzten Sinnen erfahren.
Ein solches Beten ist ein nicht mehr Vorhalten all meiner Wünsche und Erwartungen an Gott sondern ein sich hinein begehen in ein Gegenüber angesichts seiner Gegenwart. Ich rede nicht mehr, ich schweige vor Gott, nehme seine Gegenwart an und wahr. Der Himmel tut sich dann auf. Was will man als Geschöpf mehr?
Vielleicht geschieht dann ein Wunder. Weil ich mich absichtslos zu Gott hinwende, werde ich offen für ihn – und damit vielleicht auch offen für neue, bisher verborgene oder nicht gangbare Wege meines und seines Handelns.
Beten hilft!

Dieser Gedanke war der Impuls zur Bußfeier im Advent 2021 und der Mitarbeiter-Adventfeier des Altenpflegeheims St. Josef in Bühlerzell

Glaubst du noch oder liebst du schon?

Wort zum Sonntag im Hohenloher Tagblatt und Haller Tagblatt am 17.07.2021 zum Sonntagsevangelium (16. Sonntag im Jahreskreis B, Mk 6, 30-34)

Nach den ersten Reden und Wundern Jesu werden er und seine Jünger regelrecht von den Massen verfolgt. Die Menschen rennen ihm nach! Traumhafte Zustände, das Gegenteil von dem, was wir heute in unserer Kirche erleben. Aber der „Run“ auf Jesus hielt auch damals nicht an. Als er zum Beispiel 10 Aussätzige heilte, dankte ihm nur einer. Als dann später Pilatus die Wahl zwischen der Freilassung von Barabbas oder Jesus anbot, da wählten die Menschen Barabbas. Und als Jesus schließlich am Kreuz hing, da war selbst von seiner eingeschworenen Gemeinschaft der 12 Jünger nur einer, Johannes, der mit den beiden Marias bei ihm unter dem Kreuz stand. Die anderen hatten sich aus Angst versteckt.
Die Massen hatten sich aus Enttäuschung abgewandt, weil Jesus nicht das brachte, was sie erhofft hatten: die Befreiung von der Römischen Herrschaft.

Die Massen heute wenden sich ab, weil auch sie einen solchen Jesus nicht mehr brauchen und die Kirche als heutige Jünger-Gemeinschaft nicht mehr als Liebesgemeinschaft sondern als eine heutige Form von Herrschaft empfinden.

Für mich ist dies alles eine Warnung und zugleich ein Trost und eine Aufforderung zum Beten und Hoffen.

Die Warnung davor, zu meinen, wir könnten die Menschen mit allerlei Maßnahmen und Aktionen, Mühen und Versprechen, Verbiegungen und Verrenkungen dauerhaft an die Kirche, an Jesus binden. Mit Nichten! Denn wenn es zum Schwur kommt, das heißt, wenn der Glaube nicht die Rechtfertigung des bisherigen Lebens sondern die Hin- und Unterordnung unter das Leben Jesu und damit auch – wie bei Johannes – unter das Kreuz bedeutet, dann bleiben nur wenige!

Der Trost, dass damals wie heute, dann, wenn der Glaube schwindet und die Menschen sich enttäuscht oder mutlos von Jesus ab und dem sicheren Leben zuwenden, es immer noch Menschen gibt, die nicht nur einen Glauben an, sondern wie Johannes und die Frauen eine tiefe Liebe zu Jesus empfinden. Eine Liebe, die trotz bedrohender Gefahr von Verachtung, Verfolgung und zumindest gesellschaftlichem Tod standhält und standhaft bleiben lässt.

Mein Beten, dass ich in der Liebe zu Jesus Christus, zum Heiligen Geist, zu Gott dem Vater und der Gemeinschaft unter dem Kreuz stetig wachse, dass mich diese Liebe dem dreifaltigen Gott und der Kirche treu bleiben lässt.
Mein Hoffen, dass die Aufforderung Jesu „siehe dein Sohn, siehe deine Mutter“ auch heute so noch gilt und wirkt und sich – wenn auch nicht viele – aber doch einige Menschen in Liebe unter dem Kreuz versammeln und wir gemeinsam standhaft bleiben können.

Die vermessene Vernunft

Wort zum Sonntag im Hohenloher Tagblatt und Haller Tagblatt am 19.06.2021 zum Sonntagsevangelium (12. Sonntag im Jahreskreis B, Mk 4, 35-41)

„Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“. Das fragen sich die Jünger, als Jesus dem Sturm auf dem See Einhalt gebietet.

Für die Jünger war dieses Erlebnis ein neuer Höhepunkt im Wirken Jesu. Sie hatten ihn zuvor schon erlebt, wie er wider alle menschlichen Möglichkeiten Dämonen austrieb und Kranke heilte. Ist das dann der Messias, der Sohn Gottes?

Wir heutigen Menschen, die wir uns für aufgeklärt und vernünftig denkend halten, bleiben aber schon an der Möglichkeit der Wunder hängen; egal ob Dämonenaustreibung, Heilungswunder, Sturmbändigung, Gang über das Wasser oder schließlich gar Auferstehung. Wir brechen sie runter, deuten sie so lange um und ab, bis sie sich mit unserem Verstand einigermaßen erklären lassen und uns nicht mehr in unserem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild weh tun.

So werden diesen Berichten die Tatsächlichkeit und Übernatürlichkeit abgesprochen. Damit erheben wir unseren Verstand, unser Wissen, unsere Erkenntnis zum menschlichen Maßstab für Wahrheit und Wirklichkeit Gottes. Wie vermessen ist das?
Jesus bleibt dann für uns zwar noch irgendwie der Sohn Gottes (weil er ja so lieb war) aber sein Wirken bleibt nach dieser Lesart ein rein diesseitiges, menschliches.

Für die Jünger blieb angesichts der Wunder gerade nur die eine, entscheidende Antwort übrig: ja, er muss der Messias, der Sohn Gottes sein weil er solch große Macht selbst über Naturgewalten hat.

Heute stehen manche Naturwissenschaftler der Frage nach dem Unerklärlichen und damit Übermächtigen offener und staunender gegenüber als manche Theologen. Ja es ist ihr Motor, der ihre Forschungen erst antreibt.

Ich wünschte mir für unseren Glauben ein wenig von der Fantasie, von dem Zutrauen in Größeres, wie es manche Wissenschaftler haben.

Denn: wer wäre denn Jesus, wenn er solche Macht nicht gehabt hätte?

Nur ein netter, lieber, weiser Mann vor zweitausend Jahren. Rettet uns das wirklich? Kann ein Jesus, der keine übermenschliche, übernatürliche, also himmlische Macht hat, uns denn wirklich von Schuld befreien, egal wie heftig sie sei? Könnte denn ein solcher Jesus wirklich den Tod überwinden und damit den letzten, absoluten Feind des Menschen bezwingen?

Ich brauche keinen Jesus, der nur Gleichnis war. Da gäbe und gibt es noch viele andere Menschen und Jesus wäre nur einer unter vielen. Ich aber glaube an einen Jesus, der himmlische Macht hat über alle Gewalten. Denn nur dann ist er Gottes Sohn und nur ein solcher kann uns retten.

An die „Pastoralen“: Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und einem Seelsorger?

Ein Arzt sitzt in seiner Praxis, das Wartezimmer oft übervoll, kaum Zeit für den Einzelnen. Für viele Ärzte bleibt nicht viel Zeit für das eigene Leben, denn die Not der Menschen lässt kaum Pausen fürs Verschnaufen zu. Und dabei kommen nicht einmal alle Menschen die krank sind zu ihm. Viele scheuen den Gang zum Arzt, denn entweder nehmen sie ihre Krankheit gar nicht wahr, schätzen sie falsch ein oder sie haben Angst vor der Wahrheit und den Konsequenzen, wenn ihnen der Arzt sagen würde, dass sie wirklich krank sind und was sie nun tun müssten um wieder gesund zu werden oder dass es sogar keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt. Wie auch immer, Ärzte haben genug, ja sogar zu viel zu tun, zudem gibt es zu wenige von ihnen.

Und die Seelsorger, die Menschen in den Pastoralen Berufen, die ehrenamtlich in Gemeinden aktiven Christen? Ihre Büros, ihre Gemeindezentren, ihre Kirchen und Kapellen sind leer - oder zumindest nicht so übervoll wie die Wartezimmer der Ärzte. Und das war schon vor Corona so. Doch was tun sie? Sie hirnen und basteln, sie jammern und klagen, sie telefonieren und besuchen, sie bitten und betteln, sie schimpfen und toben: „Wo sind die Gemeindemitglieder, wo sind die Menschen, die uns ja eigentlich alle brauchen? Was tun wir nur, damit sie kommen? Was tun wir nur jetzt, wenn wir nichts tun dürfen? Was gibt uns die Berechtigung, weiterhin Seelsorger, Pastoraler bzw. Ehrenamtlicher Mitarbeiter im Hause des Herrn zu sein? Wir müssen etwas tun - ob die Menschen da draussen das wollen oder nicht! Und wir basteln noch mehr als bisher tollste Gebetsheftchen und verschicken sie neben den vielen anderen, die es auch schon gibt, in die weite Welt, starten virtuelle Aktionen zu all den Angeboten, die es schon im Radio und Fernsehen gibt. Wir rufen Menschen an, die wir zuvor kaum oder gar nie gesehen hatten, wir besuchen Menschen an deren Haustüre wie es sonst nur noch die Anhänger einer anderen Religiösen Vereinigung oder die Vertreter einer Staubsaugerfirma tun. Wie schlimm muss es doch um unser kleines Ich stehen, wenn wir so verzweifelt handeln.

Aber wir müssen doch etwas tun, irgendetwas!
Aber ist es das? Käme den im Ernst ein Arzt darauf, die Menschen in seiner Stadt ungefragt zu Hause aufzusuchen, nur begründet mit dem Verdacht, dass irgendwie doch jeder Mensch irgendein Zipperlein, irgendein Wehwehchen oder vielleicht sogar eine ernsthafte, aber bisher unerkannte und unbehandelte Krankheit hat? Selbst wenn ein Arzt diese Zeit hätte (was er selbst bei leerer Praxis nicht hat), er käme nicht bei allen Menschen rum bei dieser Besuchstour. Und vor allem: ein Arzt weis nur zu gut, dass er einem Menschen nur dann helfen kann, wenn dieser selbst eine Krankheitseinsicht hat, wenn dieser von sich aus kommt und um ärztlichen Rat bittet, wenn dieser Mensch selber bereit ist, Hilfe anzufordern, anzunehmen und vor allem selber bereit ist, etwas für die Genesung zu tun.

Also. Was machen dann wir weltenrettenden Seelsorger? Eben nicht in Aktionismus verfallen um uns eine Existenzberechtigung und Selbstbestätigung aus dem Hut zu zaubern. Sondern erst mal schauen, wer und was ich bin, für was ich glaube und lebe. Ist es wirklich Gott? Ist es wirklich der Nächste, der mich brauchen könnte? Oder dient all mein Tun nur der Kaschierung meiner eigenen inneren Leere?
Und wenn ich dann eine Antwort habe, die Bestand hat, dann schaue ich in die Welt, in der ich mich sowieso schon bewege. Das könnte dem Ehrenamtlichen leicht fallen, denn er ist in seinem Alltag schon draussen in der Welt, In Familien, in der Arbeitswelt, in Vereinen, in Freundeskreisen. Überall dort hat es schon genug Menschen denen wir als Christen begegnen könnten. Aber nicht mit platter Missionierung sondern zuallererst mit ernsthaftem Interesse und ernsthafter Empathie. Mit dem gleichen ernsthaften Interesse und der gleichen ernsthaften Empathie, mit der ich mich zuvor wie oben beschrieben, mit mir selbst auseinander gesetzt habe.

Also. Das alles kann ich nur tun, wenn ich diese Zeit der Aussetzung, der Unterbrechung, der Absage nutze, mich erst einmal mit mir selbst zu beschäftigen. Wenn ich bereit bin, zu allererst mir selbst, meinem Glauben, meinem Gott, meinen Sehnsüchten, meiner Hoffnung zu begegnen.

Wenn wir dies in aller Ernsthaftigkeit und Tiefe getan haben, muss dann wirklich der Herr Pfarrer, die Gemeindereferentin, der Herr Diakon, die Pastoralreferentin bei allen Gemeindemitgliedern anrufen und – weil der Mensch am anderen Ende nicht den Mut zum „Nein“ hat – ein frommes, oder ein smalltalkerisches Gespräch führen? Muss dann wirklich das xte Impuls- oder Gebetsheftchen ausgeteilt oder verschickt sein? Ist es dann nicht viel besser, wenn jeder „Christ in der Welt“ seine Berufung ernst nimmt und in seinem alltäglichen Umfeld den Menschen wachsam, aufmerksam und zugewandt begegnet? Trauen wir einander zu, dass das jeder Christ genau so gut, und genau so effektiv hin bekommt? Er wird nicht alle erreichen, er wird nicht alle zu Gott zurück führen, er wird nicht alle heilen. Aber das tun wir mit unserem bisherigen pastoralen Aktionismus noch viel weniger.

Was aber machen dann wir hauptberuflichen mit der nun zu vielen freien Zeit? Was würde ein Arzt tun, wenn mal keine Patienten kommen? Er würde endlich mal nach sich selbst schauen, würde endlich mal das Buch lesen, was er schon lange gelesen haben sollte, er würde sich endlich mal Zeit nehmen für die Menschen, für die er zu wenig Zeit hatte weil er sich ja so sehr um seine Patienten kümmern musste. Wir „Pastoralen“ also sollten ähnlich wie der Arzt die Chance ergreifen und in die „Wüste“, in die Kontemplation gehen - nach all der Aktion der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Sollten wirklich „wiederkäuen“ was das Wesentliche unseres Glaubens, unseres Auftrages unseres Gemeindelebens ist. Sollten endlich mal wieder die Menschen direkt um uns, unsere zu oft zu kurz gekommenen Allernächsten in den Blick nehmen, sollten endlich mal wirklich Gott Zeit und Raum geben.

Ausgekratzte Augen - zugeklebte Münder

In einem Urlaub auf Kreta besuchte ich das Kloster Arkadi. Dort sprengten sich am 9. November im Jahr 1866 die letzten christlichen Kreter kurz vor der Überwältigung durch die Ottomanen selbst in die Luft. Mönche, alte Männer, Frauen, Mütter mit ihren Kindern. Die Ehemänner und Väter waren schon alle gefallen. Lieber wollten sie wohl in Freiheit sterben als in türkischen Harems zu landen. Ausgestellt waren dort auch Ikonen, deren Augen wurden von den Ottomanen „ausgekratzt“.

Mir kommt ein Gedanke: ausgekratzte Augen von Ikonen auf Kreta - von Maria 2.0 zugeklebte Münder von Ikonen in Deutschland. Hat das was miteinander zu tun? Etwas verbindendes oder etwas konträres?

Maria mit Jesus Kloster ArkadiJPG

Vater unser – oder: wie beten?

„Und führe uns nicht in Versuchung“. Diese Bitte wird ja immer wieder diskutiert. Die Frage ist dann: „Wie kann Gott uns denn in Versuchung führen wollen? Gott kann doch sowas nicht ernsthaft tun wollen.“

So wird also an der Übersetzung dieses Vater unser herum gebastelt um zu versuchen, diese Bitte so zu entschärfen, dass sie nicht mehr Gott unterstellt, er würde so etwas tun. Greifen aber nicht all diese Versuche daneben? Spüren wir nicht, dass das alles „Notlösungen“, faule Kompromisse sind?

Das Kernproblem ist doch vielleicht dieses: was bedeutet für uns das Gebet? Was ist Beten?

Wenn wir mit der Haltung beten, dass wir Einfluss auf Gott ausüben müssen, dann lösen wir obige Frage nicht auf.

Braucht denn Gott wirklich unser Gebet? Weis er nicht schon vor uns, was für uns das Beste ist? Ich denke, er weis es! Und er will auch das Beste für uns.

Ist dann also Beten sogar komplett – egal mit welchen Worten – schon überflüssig?

Eben nicht! Wir sagen durch unsere Bitten Ja zur guten Absicht Gottes, erst dann, wenn wir einwilligen, kann er handeln.
Wir ermahnen durch unsere Bitten an Gott eigentlich uns selbst!
Und wir gestehen unsere Bedürftigkeit, unsere Schwäche und unsere Sündhaftigkeit ein.

Beispiel:
Geheiligt werde dein Name:
Nicht von irgendjemand, nicht von der Welt, von den Heiden oder auch nicht von den Engeln sondern von mir!

Dein Reich komme:
Nicht Aufforderung an Gott sondern Bereitschaftserklärung, das Kommen des Reiches Gottes anzunehmen, zuzulassen.

Dein Wille geschehe:
Und eben nicht meiner!

Wie im Himmel so auf Erden:
Ja, ich bin einverstanden, dass Gott, der die Freiheit der Welt vor ihm selber respektiert, sich mir in seinen Taten in dieser Welt zeigt. Ich gebe meine Freiheit vor Gott auf - für das Reich Gottes!

Unser täglich Brot gib uns heute:
Bei allem menschlichen Vermögen, sein Leben selbst zu gestalten und sich selbst zu ernähren, erkenne und akzeptiere ich, dass ich doch auch begrenzt und abhängig bin von Gott.
Und wenn ich schon von Gott das tägliche Brot erbitte, dann muss doch auch ich sorge dafür tragen, dass ich denen, die von mir abhängig sind, aus meiner Hand ihr täglich Brot erhalten.

Und vergib uns unsere Schuld:
Ja ich gestehe, dass ich schuldig bin, dass ich der Vergebung bedarf und dass ich sie auch annehmen kann und will.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern:
Mir geschehe, wie ich es nicht verdiene, mir geschehe wie ich selbst anderen geschehen lasse. Ich kann, ich muss, ich will vergeben, weil auch mir vergeben ist.

Und führe uns nicht in Versuchung:
Ich weis, dass Gott die Macht hat, mich zu versuchen, ja mich sogar durch die Versuchung zu vernichten. Er wird es aber nicht tun - schon bevor ich darum bitte. Ich aber erkenne und anerkenne meine Versuchbarkeit. Ich erlaube Gott, dass er mich nicht versucht sondern das Gegenteil: ich lasse zu, dass er mich erlöst! Und genau so will und soll auch ich mich und andere nicht in Versuchung führen - sondern zum Heil.

Sondern erlöse uns von dem Bösen:
Hier drückt der Einschub des Zelebranten genau all das aus was sich oben verbirgt:
„Ja Herr, erlöse uns von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen, komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen ...“

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen:
Ich sage umfassend Ja zu deinem Heilsplan, ich lasse ihn zu, ich lasse ihn in mein Leben.

Name Gottes

In einer Predigershow ruft ein Fernsehprediger, um das Publikum zu emotionalisieren und um dem, was gesagt wird, mehr Bedeutung zu geben, in der Manier eines Verkäufers mehrmals immer wieder: “Praise the Lord … Halleluja … In the Name of Jesus … Praise the Lord …”

Da kam mir die Mahnung aus der Bibel in den Sinn: “Du sollst den Namen Gottes nicht nutzlos im Munde führen”!

Weihnachten - Eine Antwort auf Weihnachtsgrüße

Ich liebe euch alle!

Und wenn ich euch nicht alle lieben kann, so wird mein Herz doch stillen Frieden finden – denn ich weis: es gibt einen, der kann was ich nicht kann: euch alle lieben – für mich!

Und das lässt mich frei werden für Weihnachten!

Nicht mehr, und nicht weniger!

Was Du nicht willst ...

„Was Du nicht willst, dass man …“.

Umkehrung: "Was du nicht willst, dass man es Anderen tut, das füge auch dir selbst nicht zu!"

Beruf und Berufung

Was ist der Unterschied zwischen Beruf und Berufung?

Beruf bringt Geld.

Berufung kostet dich dein Leben.

Exerzitien im Kloster Mehrerau

Ein paar Impulse am Rande der Exerzitien zum 10-jährigen Weihe-Jubiläum.

Gedanken:

Der Unterschied zwischen Engel und Mensch: der Engel kann nicht anders als Gott loben, darin besteht seine Unfreiheit, seine gute Tat, seine Liebe ist keine freie, freiwillige, auf Liebe gegründete Entscheidung. Der Mensch aber ist in all seinem Tun und Denken frei. Es geht vielleicht gar nicht um seine Gedanken und Taten, die fern von Gott sind – diese tut er weil er sie tut, weil er kann, weil es Seins ist. Das Gute aber was er tut und denkt, ist das was vor Gott allein zählt, denn es ist für Gott und Mensch eine freiwillige Gabe, eine Bereicherung. Gott grämt sich vielleicht weniger über unsere Sünden – denn sie sind nichts als das ausleben unseres Seins – als dass er sich vielmehr über jede Zuwendung zu ihm und zu den Mitmenschen freut!

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Nichts strahlt von sich aus – außer in Christus dem Auferstandenen Gott selbst!

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Bei der Austeilung des Leib Christi nimmt der Diakon die Hände der Menschen war! Er „liest“ an ihnen genauso wie Jesus bei der Fußwaschung an den Füßen der Jünger „gelesen“ hatte.

Unser Geist neigt dazu, sich in Zukunft oder Vergangenheit, in Sorgen und Nöten oder fernen Hoffnungen zu verlieren. Der Körper ist es, der uns immer wieder ins Hier und Jetzt zurück holt – leider all zu oft z.B. durch Schmerzen. Positiv können wir hier für die Liturgie, für die Gottesbegegnung ableiten: Die Gleichförmigkeit der Bewegungen, die Rituale in der Liturgie verhelfen im Hier und Jetzt – in der Gegenwart Gottes zu sein. Zumindest oder zuerst mit dem Körper, dann folgt vielleicht auch der Geist.

Gegenwart Gottes im Leib Christi:

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Noch nie so genial bezeugt wie bei diesem Tabernakel: Zwei Engel an den Innenseiten der Türen bewachen und verehren den Leib Christi. Ob offen oder verschlossen, wahrhaftige ewige Anbetung!

Gebete:

»Herr, Du hast mich doch schon gekannt als Du mich berufen hast! Hilf mir, mich so anzunehmen, wie Du mich schon damals angenommen hast!«.

»Herr, ich danke Dir, dass ich da bin, für die zehn Jahre, die ich erleben und „überleben“ durfte«.

Orgel – Welt

(Orgelkonzert im Kloster am Rande der Stadt, Saarbrücken)

Wenn man eine Orgel ins Freie stellen würde, …

… dann verlöre sich ihr Klang in der Weite und man könnte ihren Klang nur ansatzweiße erfahren, in einem Raum wie einer Kirche aber findet ihre Musik halt, widerhallt, und erst so kann sie in ihrer vollen Fülle und Pracht vom Hörer gehört werden. Ist die Welt, besonders die allumfassende Kirche, der Raum, in dem Gott widerhallt?!

Paradoxon

Paradoxon: Je mehr man arbeitet um so weniger kommt man zum Schaffen!

Krug – Stille

Was ist wichtiger an einem Krug voll Wasser: das Wasser oder der Krug?

Natürlich das Wasser, aber ohne Krug könnten wir das Wasser nicht trinken, würde das Wasser zwischen den Händen zerrinnen und im Boden versickern. Was der Krug für das Wasser ist, das ist die Stille für das Wort, für das Gebet, für die Musik, für den Gesang.

Es braucht einen Moment der Stille davor und danach, denn sonst wird der tiefere Sinn des Gehörten mit dem nächsten Geräusch schon wieder zerstört. Die Stille hüllt das Gehörte ein, gibt ihm Raum und Halt – wie ein Krug.

Kreuz

Wer das Kreuz als Zeichen der Unterdrückung und Gewalt, als Instrument der Indoktrination sieht, betrachtet es aus der Perspektive derer, die ihm gegenüber stehen und es als Folter- und Mordinstrument einsetzten – gleich den römischen Besatzern, die Jesus ans Kreuz nagelten.

Als Christ kann man das Kreuz aber aus der Sicht Jesu oder auch des Mannes betrachten, der neben Jesu gekreuzigt um dessen Erbarmen bittet. Also vom Kreuz des Einen zum Kreuz des Anderen. Dann ist das Kreuz das Zeichen größtmöglicher Solidarität mit allen Menschen, die Opfer oder missbrauchtes Werkzeug von Gewalt und Unterdrückung sind. Dann wird das Kreuz zum Protest gegen Unterdrückung und Gewalt, wird Zeichen der Hoffnung.

Angeseilt

Nur wer angeseilt ist und Seil und Haken kennt, kann sich ohne Furcht bis an den Abgrund wagen!

Ora et Labora

Ora et Labora, oder: Labore est Oratio. Opus vere oratio. ... Das Gebet ist harte Arbeit. Die Arbeit ist wahres Beten.