"Jetzt hilft nur noch Beten"

An Ostern und an Weihnachten ereignet sich auf unterschiedliche Weise doch das Gleiche: mitten in der Dunkelheit, der Nacht, wenn alle menschliche Hoffnung schwindet, wenn unser Glaube uns an unsere Grenzen führt, auch er zu schwinden scheint und die Versuchung, aufzugeben am größten ist, genau da erscheint das Licht Gottes.

Auf dem Bild sehen wir unten zwei Hände die sich nach oben ausrichten. Hände die aus den Nöten eines Menschen, ja vielleicht der ganzen Welt, nach Halt, nach Hoffnung greifen wollen. Die Haltung der Hände ist Gebet, schon ohne Worte.
Am oberen Rand des Bildes sehen wir den Stern von Betlehem. Sein Strahlen scheint von ausserhalb in das Bild hinein zu brechen. Er steht für das göttliche Licht, welches uns in der Geburt Jesu nicht mehr nur im Wort der Schrift sondern in unserem menschlichen Fleisch und Blut entgegen kommt.
„Jetzt hilft nur noch Beten!“. Diesen Spruch sagen wir ja immer dann, wenn wir mit unseren irdischen Möglichkeiten an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nichts mehr bewegen können.
Sicher meint dieser Spruch, dass unsere Fähigkeiten begrenzt sind und wir darauf vertrauen, dass Gott mehr, ja ein Wunder, vollbringen kann, dass jetzt nur noch er helfen kann.
Aber vielleicht ist mit diesem Spruch noch ein viel tieferes Verständnis zu verbinden. Wenn meine Situation verfahren, ausweglos ist, besinne ich mich auf Gott und damit nicht auf sein mögliches, wundersames Eingreifen sondern auf eine, seine größere Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die meine Situation vielleicht nicht in ihrer irdischen Verfangenheit und Ausweglosigkeit rettet, auflöst, ja herausreißt, sondern diese umhüllt. Meine Existenz stelle ich damit über das irdische, das mit menschlichen Sinnen Erfahrbare hinaus in eine Wirklichkeit, die unsere Erfahrungen, unsere Zeit, unseren Raum, unsere Werte, unsere Orientierung, unsere Existenz zu Gott hin aufweitet. Die erlebte Ausweglosigkeit wird dadurch in meiner irdischen Existenz vielleicht nicht aufgelöst, nicht geheilt, es tritt vielleicht keine Lösung ein, aber ich erkenne ihre Relativität bezgl. meiner Existenz. Ich erfahre im Gebet, in der Hinwendung zu Gott, dass meine begrenzte Existenz in dieser irdischen Realität geborgen ist in einer Realität, die alles, Himmel und Erde umfängt.
Das mag für einen Aussenstehenden nach Weltflucht aussehen und fatalistisch wirken. Aber für den Betenden ist es das Gegenteil. Der Aussenstehende, der Nicht-Betende, kann so wenig wie ich selbst an der erfahrenen Ausweglosigkeit etwas ändern. Der nicht betende muss sich selbst noch mehr mit seiner Hilflosigkeit abfinden und letztlich fatalistisch resignieren und an dem nicht Aushaltbaren scheitern, zugrunde gehen.
Der Betende aber findet die Kraft zum Aushalten weil er weiß, dass seine ganze Existenz eben nicht in eine Weltflucht sondern in eine viel größere Welt-Wirklichkeit führt, dass er trotz aller Finsternis nicht verlassen sondern von Gott umfangen und gehalten ist. Dass er in diesem Festhalten an diesem Glauben, an diesem Gebet, an dieser Hinwendung zu Gott letztlich Rettung findet. Wenn auch durch sein Beten in dieser Welt kein Wunder geschehen mag, so ist er doch nicht allein, nicht verloren, sondern öffnen sich ihm Horizonte, Wirklichkeiten, die mehr sind, als das was wir Menschen mit unsern begrenzten Sinnen erfahren.
Ein solches Beten ist ein nicht mehr Vorhalten all meiner Wünsche und Erwartungen an Gott sondern ein sich hinein begehen in ein Gegenüber angesichts seiner Gegenwart. Ich rede nicht mehr, ich schweige vor Gott, nehme seine Gegenwart an und wahr. Der Himmel tut sich dann auf. Was will man als Geschöpf mehr?
Vielleicht geschieht dann ein Wunder. Weil ich mich absichtslos zu Gott hinwende, werde ich offen für ihn – und damit vielleicht auch offen für neue, bisher verborgene oder nicht gangbare Wege meines und seines Handelns.
Beten hilft!

Dieser Gedanke war der Impuls zur Bußfeier im Advent 2021 und der Mitarbeiter-Adventfeier des Altenpflegeheims St. Josef in Bühlerzell

Spaltung

Um es gleich vorweg zu nehmen und Missverständnisse zu vermeiden: ich bin geboostert, also kein Impfgegner – und trotzdem habe ich mit dem Impfen und dann dem Boostern lange mit mir gerungen.

So und jetzt zu dem, was mich sehr umtreibt. Auf allen Kanälen moralisieren Politiker, Virologen, Mediziner, Soziologen, Psychologen, Theologen bis hin sogar zu Bischöfen gegen die Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Und das finde ich ungeheuerlich!

Denn in den letzten Wochen habe ich mit einigen Menschen gesprochen, die Bedenken bei der Impfung haben bzw. sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht impfen lassen wollen. Keiner von denen ist irgendein durchgeknallter Spinner. Alle hatten wirklich glaubhaft Angst vor der Impfung oder z.B. vor den gesellschaftlichen Auswirkungen. Ein Gespräch mit ihnen war immer dann möglich, sobald ich zugehört habe und signalisiert habe, dass ich die Bedenken ernst nehme und manches nachvollziehen kann. Einigen konnte ich ein wenig die Bedenken und Ängste nehmen.

Hätte ich aber einfach nur gegen ihre Meinung meine Überzeugung gehalten, hätten sich die Fronten verhärtet, das Gespräch beendet.

All die Kommentare, Weisheiten, Gleichnisse etc. die in den Medien diesen Menschen entgegen gehalten werden, bewirken leider genau das, dass sich die Fronten nur noch mehr verhärten und die Menschen in eine Ecke gedrängt, werden. Aus der Psychologie weiß man, dass Menschen, die man in die Ecke treibt, entweder vor Angst zusammenbrechen oder durch Gegenwehr aus dieser Ecke ausbrechen werden.

Angst und Bedenken lassen sich nur durch Zuwendung, Verstehen und offenen Dialog abbauen. Das ist mühsam, mühsamer als immerwieder nur die eigenen Argumente entgegenhalten. Aber es ist aus meiner Erfahrung der einzige Weg, der uns Alle (Betonung liegt auf „Alle“) weiter bringt.

Und müssen wir als Gesellschaft es nicht auch aushalten, dass es Menschen gibt, die nicht uniform das mitmachen, was die Mehrheit für notwendig hält?

Nun könnte man sagen, dass die Mehrheit in diesem Falle aber die vernünftigeren Argumente hat.

Aber wer kann wirklich sagen, dass er in der Fülle an Informationen und Erfahrungen wirklich weis, was zu hundert Prozent die Wahrheit und was Richtig ist? Niemand! Ob Politiker, Virologe, Mediziner, Psychologe, Soziologe oder Theologe: alle sind nur Menschen, keiner hat – auch nicht durch irgend ein Amt oder Status, die volle Erkenntnis! In jedem Gespräch das ich führe, in jeder Meldung die ich höre oder lese, tun sich neue, manchmal auch relativierende oder gar widersprüchliche Erkenntnisse auf.

Wir sollten dies anerkennen, dann aus dieser Einsicht zusammen stehen und im Verständnis für einander und miteinander Lösungen suchen, die uns aus dieser Krise, die mehr ist, als nur eine Viruskrankheit, heraus führen.

Glaubst du noch oder liebst du schon?

Wort zum Sonntag im Hohenloher Tagblatt und Haller Tagblatt am 17.07.2021 zum Sonntagsevangelium (16. Sonntag im Jahreskreis B, Mk 6, 30-34)

Nach den ersten Reden und Wundern Jesu werden er und seine Jünger regelrecht von den Massen verfolgt. Die Menschen rennen ihm nach! Traumhafte Zustände, das Gegenteil von dem, was wir heute in unserer Kirche erleben. Aber der „Run“ auf Jesus hielt auch damals nicht an. Als er zum Beispiel 10 Aussätzige heilte, dankte ihm nur einer. Als dann später Pilatus die Wahl zwischen der Freilassung von Barabbas oder Jesus anbot, da wählten die Menschen Barabbas. Und als Jesus schließlich am Kreuz hing, da war selbst von seiner eingeschworenen Gemeinschaft der 12 Jünger nur einer, Johannes, der mit den beiden Marias bei ihm unter dem Kreuz stand. Die anderen hatten sich aus Angst versteckt.
Die Massen hatten sich aus Enttäuschung abgewandt, weil Jesus nicht das brachte, was sie erhofft hatten: die Befreiung von der Römischen Herrschaft.

Die Massen heute wenden sich ab, weil auch sie einen solchen Jesus nicht mehr brauchen und die Kirche als heutige Jünger-Gemeinschaft nicht mehr als Liebesgemeinschaft sondern als eine heutige Form von Herrschaft empfinden.

Für mich ist dies alles eine Warnung und zugleich ein Trost und eine Aufforderung zum Beten und Hoffen.

Die Warnung davor, zu meinen, wir könnten die Menschen mit allerlei Maßnahmen und Aktionen, Mühen und Versprechen, Verbiegungen und Verrenkungen dauerhaft an die Kirche, an Jesus binden. Mit Nichten! Denn wenn es zum Schwur kommt, das heißt, wenn der Glaube nicht die Rechtfertigung des bisherigen Lebens sondern die Hin- und Unterordnung unter das Leben Jesu und damit auch – wie bei Johannes – unter das Kreuz bedeutet, dann bleiben nur wenige!

Der Trost, dass damals wie heute, dann, wenn der Glaube schwindet und die Menschen sich enttäuscht oder mutlos von Jesus ab und dem sicheren Leben zuwenden, es immer noch Menschen gibt, die nicht nur einen Glauben an, sondern wie Johannes und die Frauen eine tiefe Liebe zu Jesus empfinden. Eine Liebe, die trotz bedrohender Gefahr von Verachtung, Verfolgung und zumindest gesellschaftlichem Tod standhält und standhaft bleiben lässt.

Mein Beten, dass ich in der Liebe zu Jesus Christus, zum Heiligen Geist, zu Gott dem Vater und der Gemeinschaft unter dem Kreuz stetig wachse, dass mich diese Liebe dem dreifaltigen Gott und der Kirche treu bleiben lässt.
Mein Hoffen, dass die Aufforderung Jesu „siehe dein Sohn, siehe deine Mutter“ auch heute so noch gilt und wirkt und sich – wenn auch nicht viele – aber doch einige Menschen in Liebe unter dem Kreuz versammeln und wir gemeinsam standhaft bleiben können.

Die vermessene Vernunft

Wort zum Sonntag im Hohenloher Tagblatt und Haller Tagblatt am 19.06.2021 zum Sonntagsevangelium (12. Sonntag im Jahreskreis B, Mk 4, 35-41)

„Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“. Das fragen sich die Jünger, als Jesus dem Sturm auf dem See Einhalt gebietet.

Für die Jünger war dieses Erlebnis ein neuer Höhepunkt im Wirken Jesu. Sie hatten ihn zuvor schon erlebt, wie er wider alle menschlichen Möglichkeiten Dämonen austrieb und Kranke heilte. Ist das dann der Messias, der Sohn Gottes?

Wir heutigen Menschen, die wir uns für aufgeklärt und vernünftig denkend halten, bleiben aber schon an der Möglichkeit der Wunder hängen; egal ob Dämonenaustreibung, Heilungswunder, Sturmbändigung, Gang über das Wasser oder schließlich gar Auferstehung. Wir brechen sie runter, deuten sie so lange um und ab, bis sie sich mit unserem Verstand einigermaßen erklären lassen und uns nicht mehr in unserem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild weh tun.

So werden diesen Berichten die Tatsächlichkeit und Übernatürlichkeit abgesprochen. Damit erheben wir unseren Verstand, unser Wissen, unsere Erkenntnis zum menschlichen Maßstab für Wahrheit und Wirklichkeit Gottes. Wie vermessen ist das?
Jesus bleibt dann für uns zwar noch irgendwie der Sohn Gottes (weil er ja so lieb war) aber sein Wirken bleibt nach dieser Lesart ein rein diesseitiges, menschliches.

Für die Jünger blieb angesichts der Wunder gerade nur die eine, entscheidende Antwort übrig: ja, er muss der Messias, der Sohn Gottes sein weil er solch große Macht selbst über Naturgewalten hat.

Heute stehen manche Naturwissenschaftler der Frage nach dem Unerklärlichen und damit Übermächtigen offener und staunender gegenüber als manche Theologen. Ja es ist ihr Motor, der ihre Forschungen erst antreibt.

Ich wünschte mir für unseren Glauben ein wenig von der Fantasie, von dem Zutrauen in Größeres, wie es manche Wissenschaftler haben.

Denn: wer wäre denn Jesus, wenn er solche Macht nicht gehabt hätte?

Nur ein netter, lieber, weiser Mann vor zweitausend Jahren. Rettet uns das wirklich? Kann ein Jesus, der keine übermenschliche, übernatürliche, also himmlische Macht hat, uns denn wirklich von Schuld befreien, egal wie heftig sie sei? Könnte denn ein solcher Jesus wirklich den Tod überwinden und damit den letzten, absoluten Feind des Menschen bezwingen?

Ich brauche keinen Jesus, der nur Gleichnis war. Da gäbe und gibt es noch viele andere Menschen und Jesus wäre nur einer unter vielen. Ich aber glaube an einen Jesus, der himmlische Macht hat über alle Gewalten. Denn nur dann ist er Gottes Sohn und nur ein solcher kann uns retten.

Gott – Über die Reihenfolge der Gedanken unter dieser Rubrik

Unter der Rubrik "Gott …" finden sich Gedanken zum Gottesbild. Diese Gedanken entstanden zumeist aufgrund konkreter Erlebnisse bzw. Diskussionen. Daher sind sie in der Reihenfolge nach dem Datum ihrer Veröffentlichung geordnet. So finden sich neue Einträge immer oben bzw. werden als erstes angezeigt. Am Ende mancher Gedanken findet sich noch ein Datum, dieses ist das ursprüngliche Datum der jeweiligen Gedanken als ich diese entweder noch vor den Zeiten dieser Internetseite geschrieben oder erst einmal eine Weile "in der Schublade" liegen hatte. Inhaltlich habe ich die Gedanken mit den römischen Zahlen versucht zu ordnen. So geht es von grundlegenden Gedanken bis hin zum Gottesbild des Christentums. Diese Reihenfolge kann dann als Hilfe zur Ein- bzw. Hinführung und Vertiefung des Gottesglauben dienen. Da sich aber sicher auch in Zukunft noch neue Gedanken ergeben werden, kann sich die Reihenfolge nach den römischen Zahlen nochmals ändern.

Gott I – Mensch

Der Mensch hat die Fähigkeit, Dinge zu denken, zu glauben, zu sehen, zu hören, die mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht erfassbar sind. Diese Fähigkeit ist es, die den Menschen antreibt, kreativ und forschend zu sein, sich weiter zu entwickeln, hinter die Dinge zu schauen. Ohne diese Fähigkeit würden wir noch immer von der Hand in den Mund leben, hätten nicht einmal einfachstes Werkzeug, weil wir in einem Stöckchen nur ein Stöckchen und kein Werkzeug z.B. zum Aufhebeln einer harten Schale sehen würden.

So hat der Mensch auch die Fähigkeit, über das Sein in dieser Welt hinaus zu denken. Das ist Religiosität. Um es Festzuhalten: es ist eine Fähigkeit, die vielleicht menschlichste und großartigste Fähigkeit überhaupt.

Menschen, die aber den Gedanken an etwas hinter dem diesseitigen Sein ablehnen, nutzen diese Fähigkeit nicht. Sie sind in ihrer Haltung wie Menschen, die sagen, "Ich lehne diese oder jene Errungenschaft oder Erfindung grundsätzlich ab" und z.B. "Ich fahre aus Prinzip nicht mit der Eisenbahn, ich laufe lieber!"

Das Merkwürdige: so denkende Menschen betrachten sich gerne als die Vernünftigeren.

Und so denkende Menschen findet man auch zunehmend in kirchlichen Kreisen, vom Gemeindemitglied über Seelsorger bis hin zu Theologen.

Sie gehen den umgekehrten Weg. Weil sie den Gedanken an das, was hinter dem Horizont liegen könnte, nicht mehr wagen zu denken – weil er zu gewagt, weil er vermeintlich unpopulär, gestrig, unvernünftig, unbeliebt , unvermittelbar sein könnte – versuchen sie, alles was hinter dem Horizont liegt, ins hier und jetzt zu holen indem sie es z.B. in reine psychologische Gleichnisse innerhalb des menschlichen Horizonts herunter brechen.

Damit sind sie eigentlich zu Agnostikern geworden und in ihrem Denken liegen sie weit hinter denen, die sich z.B. in den Naturwissenschaften mit den Grenzen der Physik oder dem Aufbau und den Grenzen des Universums, dem Wesen von Raum und Zeit auseinander setzen.

Man könnte fast sagen, dass manche Naturwissenschaftler heute viel mehr auf der Suche nach den letzten Dingen, nach den Dingen hinter dem (menschlichen) Horizont sind, als manche Gläubige, manche Theologen. Von der Beschäftigung mit manchen Ersteren kann man mehr Religiosität gewinnen als von manchen Zweiteren.

Erstere kommen dabei vielleicht nicht einmal darauf, sich als religiös zu bezeichnen, sind es aber. Zweitere bezeichnen sich als Religiös, sind es aber nicht (mehr), sie sind Menschen, die aufgehört haben, ihre wichtigste Fähigkeit zu nutzen: hinter den Horizont zu schauen und das zu denken wagen, was noch kein menschliches Auge gesehen, noch kein menschliches Ohr gehört hat.

Irgendwo

Gott XII – Theodizee

Es ist so einfach – so einfach, dass man daran verrückt werden kann! Warum lässt Gott Leid zu? Ich fasse hier nochmals einige meiner Gedanken zusammen, verdichtet und ein wenig ergänzt.

Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, frei zu sein vor ihm, Frei vor und von Gott. Aber nicht nur dem Menschen hat er diese Freiheit gegeben, sondern seiner ganzen Schöpfung, vom kleinsten atomaren Teilchen über sämtliche Lebensformen angefangen bei den Viren und Einzellern, den Elementen und Naturkräften bis hin zum Lauf der Sterne. Und in dieser Freiheit geschieht Gutes wie Schlechtes, Schlimmes wie Schönes. Blühende Landschaften wie vernichtende Lavaströme, unendlich grausame Taten des Hasses wie übermenschlich selbstaufopfernde Heldentaten aus Liebe.

Und Gott achtet diese Freiheit, weil sie das ist, was diese Welt, was den Menschen zu einem freien, ebenbildlichen Gegenüber macht.

Aber warum greift er denn nicht ein, wenn Menschen anderen Menschen unsagbar grausame Gewalt antun? War in der Menschheitsgeschichte nicht schon längst ein Punkt erreicht, an dem er "Genug!" hätte schreien müssen? Hätte er nicht schon längst seine himmlischen Heere entsenden können um all die Gewalttätigen hinwegzufegen? Ja, das hätte er tun können. Dann wäre Frieden auf Erden.

Aber was für ein Frieden? Ein Frieden, der aus Angst entstehen würde. Ein Waffenstillstand der verängstigten Menschheit mit ihresgleichen und mit Gott. Denn wo wäre die Grenze an dem Gott einschreitet oder nicht? Jeder würde nur noch aus Angst, dass ihn bei der kleinsten Übeltat die vernichtende Hand Gottes ereilt, wie eine deprimierte Marionette durch diese Welt wandeln. Wir hätten eine Diktatur des Guten!

Aber wie hält Gott das dann aus? Wie halten wir Menschen das dann aus? Gott hat es nicht ausgehalten! Denn er ist in Jesus von Nazareth selber Mensch geworden um uns in dem, was diesem Jesus angetan wurde, genau diesen Irrsinn, zu dem Menschen fähig sind, vor Augen zu führen. Und um uns zu zeigen, worin die Lösung des Problems liegt. Im Erkennen, dass Gott die Liebe ist und im Bereitsein, dafür alles zu geben.

Und dieser Gott hatte darauf gehofft, dass wenigstens ein paar Menschen seinen Plan erkennen und in dem nachfolgen, was dieser Jesus von Nazareth vorgelebt hat. Das Menschen keine ohnmächtige Angst mehr vor dem Tod haben und sich so mutig der Finsternis, dem Hass, der Gewalt entgegen stellen. Immer dort, wo Menschen sich selbst zum Wohl anderer zurück nehmen, im Äussersten sogar bis hin zum Aufopfern, dort wirkt Gott. Dort wo einer dem anderen die Hand zur Hilfe und nicht zur Gewalt reicht, dort wo einer sein eigens Wohl, sein eigenes Leben riskiert um ein anderes zu retten, dort wirkt Gott – unter der Achtung der Spielregeln der Freiheit.

So einfach ist es. Verrückt sollten wir nicht an der Frage nach Gottes Wirken sondern an der Frage nach des Menschen Wirken werden! Warum wirkt der Mensch immer noch nicht zum Heil der Welt! Das ist die große Frage!

Segnungen

Als in Deutschland im Jahr 2017 die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde, diskutierte ich mit zwei Kolleginnen darüber. Die eine aus Loyalität katholisch, aber nicht praktizierend, die andere evangelisch, ebenfalls nicht praktizierend und in Überlegung, aus der Kirche auszutreten. Beide setzten sich für diese gleichgeschlechtliche Ehe ein, fanden das entsprechende Gesetzt dazu längst überfällig. Und sie hatten kein Verständnis dafür, dass die katholische Kirche hier einen ganz anderen Kurs fährt.

Nun nahm ich in dieser Diskussion die Sache sehr ernst und dachte laut konsequent weiter und schlug den beiden vor: warum die staatliche Ehe nur auf hetero- oder gleichgeschlechtliche Paare begrenzen? Wenn man schon die Ehe öffnet, entscheidend dafür macht, dass Menschen sich aneinander binden, warum schließt man dann aber andere Menschen weiterhin aus, die aus freiem Willen z.B. eine Beziehung zu dritt oder gar noch mehreren Personen eingehen möchten? Welches Argument hat ein säkularer Staat, dies zu verbieten? Klar es gibt das Verbot der Viel-Ehe, aber warum? Wenn alle Beteiligten freiwillig eine solche Verbindung eingehen, was steht einem säkularen Staat zu, darüber zu urteilen, ob das richtig ist oder nicht? Die beiden Kolleginnen schauten mich verdutzt und empört an und brachten das auch stammelnd zum Ausdruck. Aber es viel ihnen kaum Grund ein, warum der Staat dies verbieten könne. Einzig, dass eine Trennung bei mehreren Personen schwierig wäre. Diesen Grund hielt ich nicht für ausreichend, denn auch so etwas kann man vertraglich regeln. Es gäbe nichts, was sich nicht regeln ließe.

Nun gab ich also an, dass staatlich gesehen, jegliche Form der Ehe möglich sein müsste. Dass aber andererseits eine Kirche auch das Recht hat, eine aus ihrer Sicht besondere und einzigartige Form des Zusammenlebens, nämlich dem zwischen Mann und Frau als ein Sakrament zu sehen und entsprechend zu segnen.

Es gab in dieser Diskussion keine Annäherung.

Nun ploppt diese Diskussion wieder auf. Und ich gehe nun einen gedanklichen Schritt weiter:

Ja, warum sollte nicht nur der Staat, sondern nicht auch die Kirche einer jeglichen Form menschlichen Zusammenlebens, egal welchen Geschlechts und eben auch welcher Anzahl an Beteiligten, welches unter die Absicht gestellt wird, dass dieses Zusammenleben für eine fest geschriebene Zeit, das können z.B. 20 Jahre für die Zeit z.B. des Großziehens von Kindern sein, oder eben bis der Tod sie scheidet, den Segen geben? Ist nicht auch in einer solchen Verbindung Gott erfahrbar als der, der gelingendes Zusammenleben gutheißt?

Und ich gehe nochmals einen Schritt weiter. Viele fordern ja die Aufhebung des Zölibats. Auch ich stehe dem offen gegenüber und schaue da auf unsere orthodoxen Glaubensbrüder. Und wenn nun das Zölibat freigestellt würde, es also auch verheiratete Priester geben kann, dann dürften auch diese in gleichgeschlechtlichen und/oder polygamen Ehen leben dürfen.

So, was haltet Ihr davon? Gibt es etwas, was die Kirche weiterhin anführen kann um allein die Ehe zwischen Mann und Frau zu segnen?

Achtung: Dieser mein Gedanke ist nicht meine Meinung! Er ist eine Zuspitzung um dahin zurück zu führen, worum es eigentlich geht …

Gott XIII – Apokalypse

Warum braucht’s noch einen Gott, einen Glauben an ihn? Ist dies in einer solchen Welt noch sinnvoll, nötig, hilfreich, angebracht, gerechtfertigt?

Schaut doch mal in die Welt. Was sehen wir: Systeme von Gewalt und Unterdrückung in Staaten und Institutionen. Zerstörung von Natur und Lebensräumen. Nicht zu bändigende Seuchen und Katastrophen. Verfangenheit in menschlichen Schwächen. In den Kindern pflanzt sich fort, was die Eltern nicht überwunden haben. Konflikte und Hass, Schuld und Rache pflanzt sich fort über Generationen. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Fortschritt und Rückschritt, zwischen Heil und Unheil, ist ein Selbstläufer, sie geht nicht mehr zusammen, es ist in umgekehrter Weise wie bei einer Beisssperre eines Hundes.

Die Einen sagen angesichts all dessen, dass Alles immer schlimmer wird. Die Anderen sagen, dass angesichts all dessen und dem, was darin als Aufbruch geschieht, Alles immer besser wird.

Die Einen sagen, das ist die Strafe Gottes, die Anderen sagen, darin verbirgt sich der Heilsplan Gottes.

Nichts von all dem! Alles geschieht in der Freiheit der Schöpfung. Alles geschieht in der Freiheit des Menschen. Morgen kann alles besser werden. Morgen kann alles schlechter werden.

Das Potential dazu haben immer die Menschen. Sie können alles zum Guten wenden oder alles vernichten.

Man kann mit rein humanitären Mitteln, mit vereinten menschlichen, politischen und gesellschaftlichen Kräften Alles in den Griff bekommen. Ein Arzt kann heilen, ohne Glauben und Gott. Ein Sozialarbeiter kann Menschen aus ihrem Elend begleiten, ohne Glauben und Gott. Ein Psychotherapeut kann Menschen helfen, sich aus Verstrickungen zu lösen ohne Glauben und Gott. Ein Forscher kann ein rettendes Medikament entwickeln, ohne Glauben und Gott. Ein Trauerredner kann Trost spenden ohne Glauben und Gott.

Was macht da der glaubende, der Gott bezogene Mensch? Er sitzt da bei seinem morgendlichen Gebet und fragt sich, ob er überflüssig ist, oder zumindest sein Glauben und Gott.

Die Welt kommt mit und ohne diesen glaubenden, Gott bezogenen Menschen zurecht – oder auch nicht. Man kann es drehen und wenden, wenden und drehen.

Zwei Dinge bleiben aber.

Das eine: Ein Kind, welches erwachsen geworden ist, völlig selbstständig und losgelöst von seinen Eltern lebt, hat trotzdem noch einen Vater und eine Mutter. Das Kind kann versuchen, seine Eltern zu vergessen – oder sie trotzdem weiter einfach lieben und mit ihnen in Beziehung leben. Ein glaubender, Gott bezogener Mensch kann sein Leben völlig ohne Gott auf die Reihe kriegen – aber trotzdem seinen inneren Blick von seinem Schöpfer nicht ablassen und mit ihm in Beziehung bleiben.

Das andere. In diesen Tagen, in denen uns alles in die Hände gelegt ist, spüren wir, dass wir alles in den Händen haben – aber wir spüren auch, alles kann uns durch diese Hände zerrinnen.

Vielleicht habe ich sogar den inneren Blick nicht mehr auf einen Gott. Entweder weil ich ihn nicht mehr brauche oder weil ich ihn zwar verzweifelt suche, aber nicht mehr finde.

Im Verborgenen schleicht sich vielleicht das endgültige, sich uns völlig entziehende Unheil an. Ein Virus, der uns immer einen Schritt voraus ist, ein mächtiger Asteroid, den bisher kein noch so gutes Teleskop sehen konnte, ein Kippen der Strömungen der Naturabläufe, die uns allen Halt entziehen, ein Eskalieren einer politischen Größe in einer Geschwindigkeit und Heftigkeit, die alle anderen politischen Kräfte erstarren lässt. Eine dunkle, weil unentdeckte Kraft im Universum, welche alle Auseinanderbewegung des Universums von Jetzt auf Nachher unaufhaltsam wieder zusammenreißt und in einem unendlich kleinen Punkt zum Nichts komprimiert.

Spätestens wenn all das geschieht, werden wir erkennen, dass es nicht mit menschlich rechten Dingen zu geht. Dann werden wir erkennen. Es gibt nichts mehr – ausser Gott.

Betroffen sitzt der glaubende, Gott bezogene Mensch bei seinem morgendlichen Gebet.

Lange schweigen seine Gedanken.

Eine Leere macht sich breit. Keine Leere die Angst macht. Nein, eine Leere die befreit. Denn es zeigt sich: es reicht als Erstes Gott bezogen zu sein. Egal was war, was ist und was sein wird. Er ist!

Und der glaubende, Gott bezogene Mensch erkennt darin, dass er nicht allein ist, dass er – wie ein erwachsenes Kind seine Eltern – noch einen Schöpfer hat. Und dieses Wissen um Gott schenkt dem glaubenden, Gott bezogenen Menschen eine innere Ruhe, einen inneren Frieden. Und diese innere Ruhe, dieser innere Frieden breitet sich aus dem Herzen des glaubenden, Gott bezogenen Menschen aus. Wie ein Licht das leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis wird es nicht ergreifen (nach Joh 1.5). Die Nacht wird hell wie der Tag (Exsultet). Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (Mt 24.35).

Gott VI – Die Freiheit (eine Parabel)

Ein Junge traf am Ufer eines Sees einen alten Mann, dieser hatte vor sich ein Segelbootmodell aufgerichtet und war nun gerade dabei, aus dem Lehm des Ufers kleine menschliche Figuren zu formen. Neugierig und begeistert schaute der Junge zu.

Der alte Mann setzte die Lehmfiguren auf das Segelboot, nahm das Boot in beide Hände und hauchte die Lehmfiguren an. „Was machst Du da?“, fragte der Junge verwundert. „Ich hauche ihnen Leben ein, damit es Matrosen werden.“ antwortete der alte Mann. Während der Junge sprachlos den alten Mann, das Segelboot und die Figuren anschaute, setzte er alte Mann das Segelboot ins Wasser. Der Wind ergriff die Segel und ließ sie wild flattern. Die zum Leben erweckten Figuren erkannten, dass sie Matrosen waren und zogen die Segelleinen an. Das Segelboot nahm Fahrt auf und glitt auf dem Wasser dahin.

Der Junge war fasziniert und jubelte: „Ein solch tolles Segelboot habe ich noch nie gesehen!“.

Als das Segelboot die Mitte des Sees erreicht hatte, wurde der Wind stärker und neigte das Boot bedrohlich zur Seite. „Du musst das Boot zurück holen sonst wird es kentern und untergehen und die Männchen werden ertrinken!“ rief der Junge voller Angst dem alten Mann zu. Dieser schaute den Jungen fragend an und entgegnete schließlich mit einem leicht empörten Ton: „Das ist ein Segelboot und die Figuren sind Matrosen, Matrosen sind Männer der See, alles was auf dem See geschieht macht ihr Leben als Matrosen aus. Sie sind frei, egal was passiert!“

Aber sie werden untergehen, tu etwas!“ entgegnete der Junge. „Ich werde nichts tun, ich werde dieses Schiff nicht zu meinem Spielzeug und die Matrosen nicht zu Marionetten machen, sie sind Seemänner!“ murmelte der alte Mann.

Der Wind wurde stärker, und der Junge schrie auf: „tu endlich etwas, sonst geht das Schiff samt den Matrosen verloren und alles war um sonst!“. Der alte Mann schien ihn nicht zu hören und schaute wortlos dem Segelboot nach.

Schließlich brachte tatsächlich eine kräftige Böe das Segelboot zum kentern, die Wellen schlugen über das Segelboot und es begann zu sinken und es nahm all seine Matrosen mit in die Tiefe des Sees.

Dem Jungen stiegen Tränen in die Augen und er sah den alten Mann vorwurfsvoll an. Der Alte Mann jedoch legte seine Kleider ab und stieg in den See, er schwamm zur Mitte des Sees, tauchte dort hinab und holte das Segelboot samt der Matrosen wieder empor.

Als er mit dem Segelboot und den leblosen Matrosen das Ufer wieder erreicht hatte und an Land stieg, sprach der Junge resigniert: „Das hättest Du mal vorher tun sollen!“. Der alte Mann schaute den Jungen mit ruhigem, tiefem Blick lange an, dann sprach er: Bevor Du das alles gesehen hast, hättest Du geglaubt, dass jemand Lehmfiguren zum Leben erweckt?“. „Nein.“ gab der Junge leise und verunsichert zur Antwort. „Nun bist Du eines besseren belehrt?“ fragte der alte Mann. „Ja.“ antwortete immer noch verstört der Junge. Dann frage ich dich jetzt: „Wenn Du etwas so unglaubliches nun gesehen hast, was hindert dich daran zu glauben, dass ich diese Figuren noch einmal zum Leben erwecke?“.

Der alte Mann schaute den sprachlosen Jungen noch einen Moment herausfordernd an, dann nahm er das Segelboot und die Lehmfiguren, drehte sich um und ging fort.

Der Junge starrte dem Mann wortlos hinterher. Als der alte Mann schon längst aus seinem Blick verschwunden war, stand er noch immer da, mit einem Blick, der aussah, als würde er weit über das Ende dieser Welt hinaus etwas erspähen.

29.07.2012

Gott XI – Ist ein Mensch gewordener Gott wirklich eine unvorstellbare Schwäche, ein Witz der Geschichte oder gar Gotteslästerung?

Zuerst nochmals zurück zum Anfang: das Nichts hielt sich selbst nicht aus … (Siehe auch „Das Nichts, das Sein und das Universum in seiner immer schnelleren Ausdehnung“) … Es war also Etwas. Dieses Etwas ist doch gewiss größer als wir kleinen Menschlein. Dieses Etwas ist doch gewiss größer als alle Gesetze und Gegebenheiten dieses Universums. Denn wenn es das erste, das ursprüngliche und einzige Etwas war, dann hat es alles hervorgebracht und umfasst. Dieses Etwas nenne ich hier Gott. Weil alles, was nun ist, in weitestem und in konkretestem Sinne Dialog ist, muss ich von diesem Gott als dem Etwas reden, dass dialogfähig ist. Damit ist dieses Etwas, dieser Gott lebendig, denn Dialog ist doch Leben.

Wenn nun Gott alles hervorgebracht hat, sogar das Leben, weil er selbst Leben ist, dann hat er schon „ziemlich was auf dem Kasten“, also will ich ihm zugestehen, dass er was kann, dass er alles kann, denn er hat alles gekonnt – anders gesprochen, er hat alles geschaffen was ist, also ist er allem mächtig, sprich allmächtig.

Und sollte es diesem Gott, dem Einzigen, dem Ursprung von allem dann nicht auch möglich sein, sich seinem Geschöpf Mensch im Wesen eines Windhauchs, des Ruach, des Pneuma, des Heiligen Geistes zu begegnen? Und ist es ihm dann nicht sogar möglich, ohne seine Göttlichkeit in Frage zu stellen, sich im Wesen eines wahrhaftigen Menschen dem Menschen zuzuwenden? Ist nicht gerade dies erst der Beweis, dass er ganz und gar Gott ist – weil er das kann und weil er das gewagt hat um den Menschen trotz dessen Freiheit vor ihm, Gott, gegenüber zu treten und ihm die Hand der Versöhnung, der Barmherzigkeit, der Liebe entgegen zu halten?

Und wie könnte ein Gott Barmherzigkeit als sein Wesenszug benennen, wenn er sie nicht auch zeigt? Wie aber will er sie wahrhaftig und glaubhaft zeigen, wenn er sie nicht ganz und gar lebt? Wie will Gott seine Barmherzigkeit ganz und gar leben, wenn er nicht selber das wird, was er wahrhaftig liebt?

Gott konnte nicht anders als das was er in seiner Allmächtigkeit wahrhaftig konnte: ganz Mensch werden.

05.01.2021

Gott IV – Er kann nicht erkennbar sein (oder Gewissheit von Gott?)

Wenn Gott der unendliche, der allmächtige, der unbegrenzte, der Urgrund und die Fülle des Lebens und der Liebe, Anfang und Ende, Licht der Lichter, König der Könige, Schöpfer allen was war, was ist und was sein wird ist. Dann muss er die Überfülle von allem sein.

Wie würde es uns gehen, wenn wir hier auf Erden ihm in dieser umfassenden Größe begegnen würden und ihn ganz erfassen würden (was wir nicht können), was würde dann mit uns geschehen? Wären wir des Todes? Nicht weil er uns tötet sondern weil uns diese Fülle aus dieser Welt heraus reißen würde? Weil, wie es die Mystiker auch ähnlich beschreiben, sein Licht uns blenden würde wie die Sonne?

Also kann uns Gott hier in unserer Welt gar nicht voll und ganz erkennbar begegnen.

Aber mit wieviel weniger, mit wieviel verhüllendem Mantel könnte er es – ohne das wir vergehen? Wo ist da die Grenze? Gibt es da eine, für alle geltende Grenze? Wäre die Grenze schon dort überspannt, wo ich durch seine Schau Gewissheit seiner Gegenwart bekomme? Wäre ich schon da am vergehen aus dieser Welt?

Kann ich also hier von Gott gar keine Gewissheit erlangen weil ich sonst nicht in dieser Welt als sein, aber von und vor ihm freies, Geschöpf existieren kann?

29.03.2020

Gott VII – Wie glaubhaft Zeugnis geben (wie verantwortet von Gott reden?)

Selig sind, die nicht sehen und doch Gauben (Joh 20, 29).

Es gibt Menschen, die glauben und denken niemals darüber nach, ob ihr Glaube verantwortet, begründet ist oder nicht. Es gibt genau so Menschen, die nicht glauben und niemals darüber nachdenken, ob ihr Nichtglaube verantwortet, begründet ist oder nicht. Und es gibt aber auch Menschen, die wie Thomas, genannt Didymus (Zwilling), verantworten wollen, was sie glauben.

Es ist schon was dran, wenn es einem schlecht geht, fällt es leicht zu glauben. Es ist wie mit einem Ertrinkenden, er fragt sich nicht, ob der Rettungsring ihn wirklich trägt, er greift einfach danach. Aber wer schwimmen kann, der fragt sich, ob der Ring ihn halten könnte, wenn es drauf an kommt und gar, ob der Ring überhaupt notwendig ist.Wenn es einem gut geht, kann es wirklich sehr schwer sein, zu glauben.

Als Diakone sind wir zu Zeugen berufen: "Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist Du bestellt. Was Du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, das erfülle mit Leben." (Aus der Weiheliturgie).

Wie kann man heute, als Diakon das Evangelium verkünden, ja bezeugen, wenn man nicht wie Thomas den Auferstandenen gesehen hat, die Möglichkeit gehabt hätte, seine Finger in die Hände und Seite Jesu zu legen?

Wie kann man heute verantwortet glauben und verkünden in einer Zeit, in der keine Wunder mehr geschehen, in der jeden Tag in allen Bereichen menschlichen Lebens Wahrheiten, Wissen, Erkenntnisse, Werte und Gesetze über den Haufen geschmissen, widerlegt werden?

Wie kann man angesichts der immer erstaunlicheren, ja gar widersprüchlicheren Entdeckungen in der Astronomie und Astrophysik die Frage nach einem Ursprung und Ziel alles Seiendem beantworten?

Die Spannung zwischen der Notwendigkeit und der Unmöglichkeit eines Gottes scheint immer größer zu werden. Innerhalb unseres gesicherten Erfahrungshorizontes können wir die Welt und die Geschicke der Menschen mit aber auch genauso ohne einen Gott erklären.

Ob nun mit oder ohne Gott, die entscheidende Frage ist die nach dem Sinn. Macht menschliche Existenz in dieser Welt Sinn?

Wenn am Ende der Tod alles nichtig macht? Wenn am Ende das ganze Universum wieder in sich zusammen fällt und zurück geht in die sogenannte Singularität?

Der Glaube an Gott macht nur dann Sinn, ist nur dann gerechtfertigt und verantwortbar, wenn es den Tod nicht gibt oder wenigstens seine Macht durchbrochen ist. Die Entscheidung für einen Glauben an Gott steht und fällt mit der Frage nach dem Tod und der Auferstehung. Also sind wir wieder dort, wo Thomas steht. Wir wollen, ja wir müssen sehen! Aber wie?

Wir können nicht hergehen und sagen „jemand hat gesagt, dass …“ oder „ich habe gelesen, dass …“. Das funktioniert heute in unserer Zeit nicht mehr. Vielleicht war eine Zeit noch nie so frei von Gott, so frei von Wundern und so frei von Wahrheiten wie die unsrige.

Vielleicht hatte Gott dies kommen sehen. Die Menschen zu Zeiten Jesu lebten noch in einem anderen Kontext, in einer anderen Wirklichkeit und Beziehung zu Gott. Für sie war er unhinterfragbare Tatsache. Wir aber sind heute frei – und damit auch in der Gefahr verloren zu gehen.

Vielleicht also hatte Gott dies kommen sehen, vielleicht ist das Teil seines Schöpfungsplans, dass die Menschheit irgendwann, wie Kinder eben, frei werden von ihrem Vater. Wir sind so frei, dass wir nichts mehr in der Hand haben für Gott. Ja, vielleicht hat Gott dies gewusst und geplant.

Ich frage mich: ist das Turiner Grabtuch für uns heute das, was die Hände und Seiten Jesu für Thomas waren? Wurde das Tuch bei der Auferstehung durch ein Licht so belichtet, dass das Abbild dann, wenn alle anderen Zeichen und Wunder vergehen, durch eine dann erst mögliche Technik, der Fotografie, dieses Abbild erst sichtbar wird? War Gott also gnädig mit den Menschen, die heute in unserer Zeit wie Thomas fragen um verantwortet und wahrhaftig Zeugnis abgeben zu können?

29.03.2020

Gott X – Es kann nur einen geben

Oft hört man: „Der Gott der Christen ist nicht der gleiche Gott wie der Gott der Muslime …“.

Wenn man solche Aussagen eins zu eins liest, hieße das dann, dass es neben dem Gott der Christen auch noch andere Götter oder Gottheiten gibt, also neben dem Gott der Christen als dem Dreieinen Gott noch den Gott der Muslime, nämlich Allah?

Sitzen sozusagen die Beiden (oder gar vier … ) dann da oben in den Himmeln nebeneinander?

Und wenn man sagt „der Gott der Christen … “, ist dann dieser Gott Eigentum der Christen?

All das wohl kaum!

Alle, die an einen Gott als dem Einzigen, dem Ursprung von Allem, dem Allmächtigen etc. glauben, müssen konsequenter Weise letztlich vom gleichen Gott ausgehen. Und dieser Gott ist niemanden Gott im Sinne von „ … der Gott der … “. Der EINE steht über allem und ist ausserhalb allem, auch den Religionen, niemand hat Anspruch auf IHN, denn er ist kein Götzenbild, von Menschen gemachtes, benanntes und somit manipulerbares, ja besitz- und beherrschbares Götzenbild. Gegen solches Denken richten sich viele Texte des ersten Testaments vehement (z.B.: Jes 44). Wenn der EINE zu Mose sagt „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ (Ex 3,6), dann ist das sicher nicht so zu verstehen, dass ER Eigentum oder Erfindung von Abraham, Isaak oder Jakob ist, sondern dass ER der ist, der sich (auch) ihnen gezeigt und erwiesen hat.

Der Punkt ist der, dass nicht Allah ein anderer als JHWH oder Jesus Christus oder Heiliger Geist ist, sondern dass wir Menschen von dem EINEN ein unterschiedliches Bild haben, dass wir IHN unterschiedlich erfahren und daher unterschiedlich von ihm reden und denken. All unser Reden und Denken kommt aber immer zu kurz, den es ist menschlich, begrenzt, manchmal sogar verquer. Gott aber ist der unbegrenzte … vor ihm, neben ihm und nach ihm war nichts, ist nichts und wird nie etwas sein, was nicht von ihm, dem EINEN ist. Mögen die religiösen Fahnenschwinger unserer Zeit – egal welchen Bekenntnisses – sich ein Beispiel an den Sterndeutern aus dem Morgenland nehmen (Mt 2, 1-12). Sie hatten die Größe, einem König ihre Ehre zu erweisen, der nicht ihr König war. Und dieser König hatte die Größe, diese Weisen wieder ziehen zu lassen in ihr Land, ihre Kultur, ihre Religion. Sicher, er war noch nur ein Säugling … und doch, es hätte ja ein Engel oder zumindest Maria oder Josef oder ein Hirte … oder Herodes dies stellvertretend tun können! Aber nein, der Engel wies ihnen sogar einen anderen Weg zurück in ihr (!) Land! Niemand hat dem anderen etwas abgestritten, ausgeredet, abgesprochen sondern man hat sich in Ehrerbietung einander zugewandt. Das ist ganz schön viel – auch heute noch!

05.01.2013

Gott VIII – Sindone

Je mehr die Wissenschaft forscht, um so mehr, so scheint es, wird ausgeschlossen, dass das Grabtuch von Turin Menschenwerk ist.

Aber erklären, was es ist, kann die Wissenschaft auch nicht. Drängt sich die philosophische oder theologische Frage auf, ob der gegen absolut gehende Ausschluss von negativen Befunden letztlich ein Zeugnisse für die Echtheit ist. Wenn es aber echt ist, was auch für einen rational denkenden Menschen immer schwerer nicht zu Glauben ist, was macht das dann mit uns? Beraubt es uns dann unserer Freiheit zu Glauben was wir wollen? Was ist dann mit all jenen, die Atheist oder gar Gläubige einer anderen herkömmlichen Religion sind? Was, wenn Nathan der Weise sich geirrt hat? Spannende Frage! Der Glaube der Christen würde erstarken, auf Kosten des Weltfriedens – den es eh nicht gibt!? Was ist zu gewinnen, was steht auf dem Spiel? Gibt es eine Wahl? Bekommt da Matthäus Kapitel 27, Vers 51 nicht nur eine bildhafte sondern gar eine prophetische Aussage, wenn dort steht: »Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich.«?
Was steht da in der Apokalypse?

Mehr zum Sindone unter:
http://www.volto-santo.com/News/news.html

15.05.2013

Gott V – Freiheit Ohnmacht Allmacht

Es ist wohl so, dass die Allmacht Gottes bei der Freiheit des Menschen aufhört – aber nicht in dem Sinne, dass Gott nicht gegen die Freiheit des Menschen handeln kann weil er machtlos und schwach ist, sondern weil er die Freiheit dem Menschen geschenkt hat und ganz banal gilt: “Geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen!”

Und vielleicht erweist sich die Allmacht und Größe Gottes ja genau darin, dass er seinem Geschöpf, dem Menschen – seinem Ebenbild (!) die Freiheit gibt mit ihm oder gegen und ohne ihn zu leben und zu handeln. Vielleicht erweist sich darin seine wirkliche Größe und Allmacht, weil er nicht versucht dagegen anzustehen sondern auszuhalten und zuzulassen, demütig gegenüber seinem Geschöpf zu sein. Nicht aus Ohnmacht sondern aus wahrer Größe. Wahrhaft mächtig ist der, der seine Macht nicht gebrauchen muss sondern sich Geduld und Nachsicht erlauben kann.

28.12.2014

Gott IX – Vater oder Mutter?

Gott als Vater meint ja sicher nicht wörtlich das Gott biologisch, geschlechtlich ein Mann, ein Vater ist – es ist ein Bild. Der Vater ist in der Familie, bei der Zeugung der, der etwas "hineinlegt". Die Mutter ist die, die aufnimmt, umgibt umhüllt.

So ist der Mensch, wie alles geschaffene, Materie, Element, Erde; aber in ihm ist Geist, der eingegeben wurde, vom Vater. Göttliches in Irdischem. Ohne das Göttliche ist alle Materie sinnlos, ohne Materie ist das Göttliche nicht erleb- und erfahrbar.

09.08.2012

Gott III – "Ach was, es gibt keinen Gott"

„Ach was, es gibt keinen Gott!“ – So höre ich’s immer wieder. Manchmal fast empört, weil man scheinbar immer noch von diesen Mitmenschen erwartet, dass sie an einen alten Mann mit Bart glauben sollen, der dann auch für alles verantwortlich ist oder auch nicht, er dann auch alles macht oder auch nicht, der dann auch alles straft oder auch nicht. Es schwingt Empörung mit in solchen Aussagen, Auflehnung, Aufregung. Und irgendwie habe ich das Gefühl, es geht oft gar nicht gegen einen Gott sondern gegen Menschen, die von Gott oft so reden, wie sie glauben, dass er sein müsste: mal strafend, mal moralinsauer, mal übermächtig, mal desinteressiert. Über Gott zu reden, ist dann so gut wie unmöglich.

Ich will trotzdem versuchen, nüchtern eine Annäherung zu wagen. Stellen wir uns eine Skala vor. Aus unserer Sicht: ganz unten stehen die einfachsten Lebensformen wie Einzeller, Bakterien Viren, etc. Dann kommen irgendwann komplexere Lebensformen wie Würmer, dann Insekten, dann Vögel und Säugetiere und dann der Mensch. Wie gesagt, dass ist unsere Sicht. Ist dann diese Skala mit dem Menschen an oberster Stelle zu Ende? Gibt es keine Lebensform, die noch weiter oben oder anders aber auf gleicher Ebene steht? Hier auf Erden nach unserem derzeitigen Kenntnisstand nicht. Gerade die „Gottablehner“ lehnen aber auch eben den biblischen Gedanken, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, ab. Also müssten gerade diese Menschen den Gedanken zulassen, dass es noch höhere Lebensformen gibt als den Menschen. Und wenn man in die komplexen Dimensionen der Naturwissenschaften schaut, was sie alles entdeckt an Information, an komplexem und damit letztlich intelligentem Zusammenspiel der Kräfte und Gewalten, dann muss man die Skala der Entwicklung über die Stufe des Menschseins noch weiter denken. Bis wohin? Gibt es ein Ende dieser Skala? Was ist dann das Ende dieser Skala? Muss die Form von Information, von Intelligenz, von Komplexität nicht erheblich, ja unermesslich größer sein, als alles was wir dann doch sehr begrenzten Menschen sehen, erfahren, ermessen können?

Wenn die Komplexität und Informationsintelligenz unseres Universums als dem Ganzen was ist, so unvorstellbar groß ist, liegt es dann wirklich fern, davon zu Reden, dass es etwas gibt, das Information, Intelligenz ist, welche all das umfasst, begründet? Wir müssen nüchtern diese Möglichkeit zu lassen.

Und dann kommt der spannende Punkt: wie reden wir darüber, davon, wie stehen wir in Beziehung dazu? Hat diese wie auch immer seiende größtmögliche Dimension von Information und Intelligenz etwas mit uns zu tun? Gibt es einen Fluss von Information zwischen Mensch und dieser Dimension? Und wenn ja, wie sieht dieser aus? Hier fängt sie an, die Rede von, mit und über GOTT.

29.01.2019

Gott II – Es gibt keinen Gott

Nur weil nicht das Geschieht, was wir von einem Gott erwarten, können wir nicht sagen: „Es gibt keinen Gott“. 

Denn vielleicht ist es so: Gott würde ja gerne etwas tun, aber wir lassen es nicht zu, weil wir zu sehr voll sind von dem, was wir glauben, was richtig wäre zu tun – so voll, dass Gottes Tun gar keinen Platz mehr hat in unserer Welt. 

Vielleicht kann Gott erst dann handeln, wenn wir aufhören zu handeln, wenn wir wahrhaft loslassen und akzeptieren, dass wir nicht das Größte und Einzige sind im Universum.

01.03.2011

An die „Pastoralen“: Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und einem Seelsorger?

Ein Arzt sitzt in seiner Praxis, das Wartezimmer oft übervoll, kaum Zeit für den Einzelnen. Für viele Ärzte bleibt nicht viel Zeit für das eigene Leben, denn die Not der Menschen lässt kaum Pausen fürs Verschnaufen zu. Und dabei kommen nicht einmal alle Menschen die krank sind zu ihm. Viele scheuen den Gang zum Arzt, denn entweder nehmen sie ihre Krankheit gar nicht wahr, schätzen sie falsch ein oder sie haben Angst vor der Wahrheit und den Konsequenzen, wenn ihnen der Arzt sagen würde, dass sie wirklich krank sind und was sie nun tun müssten um wieder gesund zu werden oder dass es sogar keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt. Wie auch immer, Ärzte haben genug, ja sogar zu viel zu tun, zudem gibt es zu wenige von ihnen.

Und die Seelsorger, die Menschen in den Pastoralen Berufen, die ehrenamtlich in Gemeinden aktiven Christen? Ihre Büros, ihre Gemeindezentren, ihre Kirchen und Kapellen sind leer - oder zumindest nicht so übervoll wie die Wartezimmer der Ärzte. Und das war schon vor Corona so. Doch was tun sie? Sie hirnen und basteln, sie jammern und klagen, sie telefonieren und besuchen, sie bitten und betteln, sie schimpfen und toben: „Wo sind die Gemeindemitglieder, wo sind die Menschen, die uns ja eigentlich alle brauchen? Was tun wir nur, damit sie kommen? Was tun wir nur jetzt, wenn wir nichts tun dürfen? Was gibt uns die Berechtigung, weiterhin Seelsorger, Pastoraler bzw. Ehrenamtlicher Mitarbeiter im Hause des Herrn zu sein? Wir müssen etwas tun - ob die Menschen da draussen das wollen oder nicht! Und wir basteln noch mehr als bisher tollste Gebetsheftchen und verschicken sie neben den vielen anderen, die es auch schon gibt, in die weite Welt, starten virtuelle Aktionen zu all den Angeboten, die es schon im Radio und Fernsehen gibt. Wir rufen Menschen an, die wir zuvor kaum oder gar nie gesehen hatten, wir besuchen Menschen an deren Haustüre wie es sonst nur noch die Anhänger einer anderen Religiösen Vereinigung oder die Vertreter einer Staubsaugerfirma tun. Wie schlimm muss es doch um unser kleines Ich stehen, wenn wir so verzweifelt handeln.

Aber wir müssen doch etwas tun, irgendetwas!
Aber ist es das? Käme den im Ernst ein Arzt darauf, die Menschen in seiner Stadt ungefragt zu Hause aufzusuchen, nur begründet mit dem Verdacht, dass irgendwie doch jeder Mensch irgendein Zipperlein, irgendein Wehwehchen oder vielleicht sogar eine ernsthafte, aber bisher unerkannte und unbehandelte Krankheit hat? Selbst wenn ein Arzt diese Zeit hätte (was er selbst bei leerer Praxis nicht hat), er käme nicht bei allen Menschen rum bei dieser Besuchstour. Und vor allem: ein Arzt weis nur zu gut, dass er einem Menschen nur dann helfen kann, wenn dieser selbst eine Krankheitseinsicht hat, wenn dieser von sich aus kommt und um ärztlichen Rat bittet, wenn dieser Mensch selber bereit ist, Hilfe anzufordern, anzunehmen und vor allem selber bereit ist, etwas für die Genesung zu tun.

Also. Was machen dann wir weltenrettenden Seelsorger? Eben nicht in Aktionismus verfallen um uns eine Existenzberechtigung und Selbstbestätigung aus dem Hut zu zaubern. Sondern erst mal schauen, wer und was ich bin, für was ich glaube und lebe. Ist es wirklich Gott? Ist es wirklich der Nächste, der mich brauchen könnte? Oder dient all mein Tun nur der Kaschierung meiner eigenen inneren Leere?
Und wenn ich dann eine Antwort habe, die Bestand hat, dann schaue ich in die Welt, in der ich mich sowieso schon bewege. Das könnte dem Ehrenamtlichen leicht fallen, denn er ist in seinem Alltag schon draussen in der Welt, In Familien, in der Arbeitswelt, in Vereinen, in Freundeskreisen. Überall dort hat es schon genug Menschen denen wir als Christen begegnen könnten. Aber nicht mit platter Missionierung sondern zuallererst mit ernsthaftem Interesse und ernsthafter Empathie. Mit dem gleichen ernsthaften Interesse und der gleichen ernsthaften Empathie, mit der ich mich zuvor wie oben beschrieben, mit mir selbst auseinander gesetzt habe.

Also. Das alles kann ich nur tun, wenn ich diese Zeit der Aussetzung, der Unterbrechung, der Absage nutze, mich erst einmal mit mir selbst zu beschäftigen. Wenn ich bereit bin, zu allererst mir selbst, meinem Glauben, meinem Gott, meinen Sehnsüchten, meiner Hoffnung zu begegnen.

Wenn wir dies in aller Ernsthaftigkeit und Tiefe getan haben, muss dann wirklich der Herr Pfarrer, die Gemeindereferentin, der Herr Diakon, die Pastoralreferentin bei allen Gemeindemitgliedern anrufen und – weil der Mensch am anderen Ende nicht den Mut zum „Nein“ hat – ein frommes, oder ein smalltalkerisches Gespräch führen? Muss dann wirklich das xte Impuls- oder Gebetsheftchen ausgeteilt oder verschickt sein? Ist es dann nicht viel besser, wenn jeder „Christ in der Welt“ seine Berufung ernst nimmt und in seinem alltäglichen Umfeld den Menschen wachsam, aufmerksam und zugewandt begegnet? Trauen wir einander zu, dass das jeder Christ genau so gut, und genau so effektiv hin bekommt? Er wird nicht alle erreichen, er wird nicht alle zu Gott zurück führen, er wird nicht alle heilen. Aber das tun wir mit unserem bisherigen pastoralen Aktionismus noch viel weniger.

Was aber machen dann wir hauptberuflichen mit der nun zu vielen freien Zeit? Was würde ein Arzt tun, wenn mal keine Patienten kommen? Er würde endlich mal nach sich selbst schauen, würde endlich mal das Buch lesen, was er schon lange gelesen haben sollte, er würde sich endlich mal Zeit nehmen für die Menschen, für die er zu wenig Zeit hatte weil er sich ja so sehr um seine Patienten kümmern musste. Wir „Pastoralen“ also sollten ähnlich wie der Arzt die Chance ergreifen und in die „Wüste“, in die Kontemplation gehen - nach all der Aktion der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Sollten wirklich „wiederkäuen“ was das Wesentliche unseres Glaubens, unseres Auftrages unseres Gemeindelebens ist. Sollten endlich mal wieder die Menschen direkt um uns, unsere zu oft zu kurz gekommenen Allernächsten in den Blick nehmen, sollten endlich mal wirklich Gott Zeit und Raum geben.

Wo sind die Menschen – Fortsetzung

Auf meinen vorhergehenden Gedanken „Wo sind die Menschen“ vom 25.12.2020 schrieb mir eine Leserin und erläuterte, warum sie aufgrund der aktuellen Corona-Situation und der Sorge um Ansteckung nicht in die Gottesdienste geht. Wie ihr ergeht es sicher noch einigen Anderen.

Eigentlich ging es mir bei meinem vorausgehenden Gedanken weniger um die Menschen, die an den Weihnachtstagen nicht in die Gottesdienste kamen. Viel mehr ging es mir um die Erwartungen und Vorstellungen mancher KollegInnen in den pastoralen Diensten, die mit manchen Aktionen den Eindruck vermitteln, als ob alle Menschen darunter leiden würden, dass nun das Gemeindeleben bis auf Gottesdienstbesuche eingestellt ist. Da werden auf einmal Menschen angerufen, angeschrieben, aufgesucht, zu denen man vor der Pandemie nie Kontakt hatte. Warum jetzt?

Natürlich gibt es Menschen, die jetzt noch mehr unter Einsamkeit leiden. Aber ist es der Pfarrer oder der Pastorale Mitarbeiter, der da Abhilfe schaffen kann? Können wir „Kirchenmänner" und "Kirchenfrauen“ wirklich das kompensieren, was den meisten nun fehlt: der Kontakt zur Familie, zu Freunden, Nachbarn … Versteckt sich da nicht Selbstüberschätzung, vielleicht sogar auch Klerikalismus dahinter, wenn wir nun meinen, die Menschen – egal ob wir sie kennen oder nicht – durch unser Telefonat, durch unsere Videobotschaften, durch Karten, Briefe etc. aus der Einsamkeit holen zu können?

Manche Pastoralen Mitarbeiter aber auch Strategen in den Bischöflichen Ordinariaten scheinen immer noch der romantischen Vorstellung anzuhängen, dass Kirche der Mittelpunkt allen Lebens ist. Manche haben als Hauptberufliche noch nie etwas anderes gemacht und gelebt als im Zentrum von Kirche zu sein. Für sie scheint es von morgens bis Abends nix anderes zu geben. Und das übertragen sie – oft unbewusst – auch auf die sichtbaren und unsichtbaren Gemeindemitglieder. Und dann muss ja das Wegbrechen von Gemeindeleben für Alle eine Katastrophe sein.

Aber ist die Realität nicht eine andere? Die meisten hatten die Kirche schon längst abgeschrieben. Viele sind noch aus Gewohnheit oder aus schlechtem Gewissen irgendjemandem oder irgendetwas gegenüber mehr oder weniger regelmäßig in die Kirche gegangen. Für viele ist Corona, was das kirchliche Leben angeht, eben nicht die Katastrophe sondern der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der bequeme Grund endlich mit dem zu brechen, was schon lange unbequem geworden ist.

Und ehrlich gesagt, manchmal erwische ich mich selber, wie ich einen „guten Grund“ suche, mal nicht in den sonntäglichen Gottesdienst gehen zu müssen.

Eigentlich will ich das nicht beklagen, sondern nur benennen. Wir „Kirchenleute“ sollten endlich einsehen, dass wir nicht der Nabel der Welt sind.

Dass für viele der Gottesdienstbesuch schon lange nur noch eine Gewohnheit war – aber auch, dass der Gottesdienstbesuch auch schon vorher das war, was ausgereicht hat, um als Christ zu leben, sollten wir endlich anerkennen. Und wenn jetzt das Gemeindeleben drumherum zusammen bricht, ist das für viele vielleicht gar nicht so schlimm, denn sie können ja immer noch zum Gottesdienst in die Kirche gehen.

Es gibt auch Hoffnung – eine andere als wir bisher erhofft hatten: in der Heiligen Nacht waren nur ca. 30 Gemeindemitglieder im Gottesdienst, einige davon als Familie. Also waren die Menschen vom Altar aus gesehen wirklich sehr überschaubar. Nach dem ersten „Schrecken“ hatte ich aber das Gefühl, mit Menschen einen Gottesdienst feiern zu dürfen, die wirklich aus tiefem Glauben, aus großer Überzeugung und mit viel Vertrauen gekommen sind. Darin liegt die Chance der Zukunft: es werden weniger sein, vielleicht viel weniger. Aber wir werden dann gewiss sein können, dass wir wirklich eine „feste" Glaubensgemeinschaft sind.

Nun möchte ich nochmals zurück kommen auf die Sorge um Ansteckung. Diese Angst will ich nicht ignorieren. Jeder muss sich überlegen, welche Aktivität er für sich selbst und für Andere verantworten kann. Wenn man dieses ernst nimmt, ist es – egal für was man sich entscheidet – nicht einfach, danach auch zu handeln. Es bleibt immer wieder ein Restrisiko oder ein großer Verlust an Menschlichkeit und Glaubensleben und damit ein nicht unerheblicher Konflikt.

Am Tag des Heiligen Abend hatte ich auf den zwei Stationen des Pflegeheims in Bühlerzell je einen Wortgottesdienst gehalten. Ich hatte im Vorfeld eigentlich damit gerechnet, dass das Pflegeheim dies absagt - was aus meiner Sicht sehr vernünftig gewesen wäre. Aber in einem Telefonat wurde mir sehr schnell klar: man wollte unbedingt dass ich komme. Also bin ich hin, hab mich testen lassen, eine FFP-2-Maske getragen und die Gottesdienste mit den BewohnerInnen und MitarbeiterInnen gefeiert. Und beim Feiern wurde mir klar: das ist richtig und wichtig, was ich hier tue!

Dieser Tage habe ich auch von einem Vorfall im Silvestergottesdienst in Murrhardt gehört (ich selbst war in Bühlertann). Dort wurde ein Mann aus der Kirche verwiesen weil er keine Maske trug. Zuerst einmal scheint es richtig zu sein, dass man ihn aus der Kirche verwiesen hat. Aber auf den zweiten Blick wird es schwierig. Dieser Mann gehört schon sehr lange zur Kirchengemeinde, kam oft nicht nur Sonntags in die Kirche, er ist ein tiefgläubiger Mensch, er hatte schon früher kaum Kontakt zu anderen, er hatte schon lange auch für den Nichtmediziner erkennbar große Atemprobleme und tut sich auch deshalb schwer, eine Maske zu tragen. Man hatte sein Nichttragen bisher wohl toleriert: er saß ohne Maske ganz hinten, weit abseits der anderen Gottesdienstteilnehmer im Taufstein-Bereich. Nun ist dort aber eine große Krippe aufgestellt und keine Sitzmöglichkeit mehr. Also hat man ihn wohl letztlich „rausgeschmissen“. In der Sache vielleicht korrekt. Und doch tut es mir im Herzen weh! Hat man nicht versucht, einen neuen Kompromiss, eine neue Lösung zu finden? Wie hat man diesen „Rausschmiss“ vollzogen? Gab und gibt es ein Gespräch? Ich persönlich denke, von diesem Mann ging kein Risiko aus, weil er eben kaum Kontakte hat und sich bisher sehr umsichtig verhalten hatte. Wie sehr beklagen doch viele Menschen das scheinbar unmenschliche Katholische Kirchenrecht und schauen ungeduldig auf unsere Bischöfe und den Papst und hoffen, dass sie endlich ein menschlicheres Kirchenrecht verfassen. Wie oft aber sind wir selber in ganz anderen Bereichen – so wie in obigem Fall – nicht bereit oder fähig, den Einzelfall zu sehen und abzuwägen. Das Kirchenrecht kennt zu Recht die Dispens. Von der Möglichkeit zur Dispens sollten wir alle auch im alltäglichen Miteinander öfter Gebrauch machen. Kann man Menschen wie diesem Mann wirklich zumuten, Monate lang auf die Eucharistie zu verzichten? Wenn es um den Zugang zum Priesteramt, um die mögliche Teilnahme an der Eucharistiefeier geht, dann wird immer schnell mit dem Recht des Volkes Gottes auf diese Feier argumentiert. In oben beschriebenem Fall sieht man das wohl anders.

Ich habe auch nochmals recherchiert. Im Internet habe ich einen einzigen Vorfall finden können bei dem es in einem katholischen Gottesdienst zu einer Ansteckung kam. Dabei hatte ein „positiver" Priester bei der Austeilung der Kommunion wohl mehrere Gläubige angesteckt. Ob er Hygienemaßnahmen eingehalten hatte, wird nicht berichtet.

Ich will Mut machen: unsere Gottesdienste sind sicher – wenn sich alle an die Vorgaben halten. Selbst bei hohen Inzidenz-Zahlen bleibt dann das Ansteckung-Risiko sehr gering. Zudem bieten unsere Kirchen so viel Platz, so viel Möglichkeiten, dass ich noch über die Maßnahmen hinaus für mich persönlich das Risiko minimieren kann in dem ich nicht nur eine Alltags- sondern eine FFP-2-Maske trage (aber bitte richtig, d.h. den Bügel der Nasenkontur angepasst …), in dem ich frühzeitig komme, mir einen Platz suche der abseits der üblicherweise besetzten Plätze liegt, ich kann zur Not auf den Kommuniongang verzichten und nur „geistlich“ kommunizieren, ich kann dann als einer der Letzten die Kirche mit besonders großem Abstand wieder verlassen. Wenn wir so handeln, sind wir sicher auch dann noch ziemlich sicher wenn der mutierte Virus mit einem höheren Infektionspotential bei uns ankommt.

Diese Pandemie wird sicher noch nicht bis Ostern, sicher auch noch nicht im Herbst für Alle überwunden sein. So lange ohne Gottesdienst (und vieles Andere!) auszukommen ohne dass es anderweitig zu großen Belastungen und tragischen Ereignissen kommt, ist für mich nicht vorstellbar. Deswegen ist es aus meiner Sicht gut und richtig, dass wir auch weiterhin verantwortet und mit einem berechtigt guten Gefühl und Gewissen Gottesdienste feiern.